Zwischen Terrarium und Tropenmedizin

Austausch von Expert*innen über globale Gesundheitspolitik im Aquarium Berlin | Fokus auf Umgang mit Giftschlangen in Deutschland

    Schlangenbisse zählen weltweit zu den am meisten vernachlässigten Gesundheitsrisiken. Um auf dieses globale Problem aufmerksam zu machen, brachten Zoo, Tierpark und Aquarium Berlin am 22. Juni gemeinsam mit dem deutschen Netzwerk gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten e.V. (DNTD) Expert*innen aus Zoologie, Tropenmedizin und Politik im Aquarium zusammen. Im Mittelpunkt stand dabei nicht nur die weltweite Versorgung von Schlangenbissopfern, sondern auch der sichere Umgang mit Giftschlangen in Deutschland.

    Immer wieder kommt es auch in Deutschland zu Einsätzen wegen entwichener oder beschlagnahmter Giftschlangen aus Privathaltungen. Um Feuerwehr und Behörden in Berlin auf solche Situationen vorzubereiten, trainiert der Kurator des Aquarium Berlin, Markus Klamt Einsatzkräfte im sicheren Handling gefährlicher Reptilien und unterstützt sie mit seiner langjährigen Expertise im Umgang mit diesen Tieren. „Zum Glück sind Einsätze mit Giftschlangen in Deutschland selten. Kommt es jedoch dazu, müssen alle Beteiligten genau wissen, wie sie sicher und besonnen handeln. Unser Ziel in den Schulungen ist es, Einsatzkräfte so vorzubereiten, dass sie in solchen Ausnahmesituationen sowohl die Sicherheit der Menschen gewährleisten als auch die Tiere fachgerecht und möglichst stressfrei sichern können“, erklärt der Reptilienkurator.

    Während in Deutschland auf ein enges Netzwerk aus Fachleuten und medizinischer Versorgung zurückgegriffen werden kann, sieht die Situation in vielen Teilen der Welt anders aus. Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation werden jährlich rund 5,4 Millionen Menschen von Schlangen gebissen. Bis zu 2,7 Millionen entwickeln schwere Vergiftungen, zehntausende sterben an den Folgen oder tragen dauerhafte gesundheitliche Schäden davon. Besonders betroffen sind ländliche Regionen in Afrika, Asien und Lateinamerika, in denen wirksame Gegengifte und medizinische Versorgung oft nicht ausreichend verfügbar sind. „Die Forschung macht uns Hoffnung, doch Schlangenbisse sind kein Forschungsproblem, sondern viel mehr ein Gerechtigkeitsproblem“, erklärt Sascha van Beek, Mitglied des Bundestages und Sprecher des Parlamentarischen Beirats gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten. Am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg wird vor allem daran geforscht, wie die Behandlungsmöglichkeiten in betroffenen Regionen verbessert und Todesfälle sowie bleibende Schäden reduziert werden können. „Trotz wissenschaftlicher Fortschritte sind Entwicklung, Produktion und Verfügbarkeit von neuen Therapien noch einige Jahre davon entfernt die betroffenen Menschen zu erreichen. Eine wichtige Rolle spielt daher die Prävention“, berichtet Dr. Benno Kreuels, Leiter der Arbeitsgruppe ‚Vernachlässigte Krankheiten und Vergiftungen‘ am BNITM in Hamburg und fügt hinzu: „Im Sinne des One Health Ansatzes darf die Tötung von Giftschlangen jedoch auch nicht die Lösung sein. Schlangen erfüllen eine bedeutende ökologische Funktion, allein bei der Schädlingsbekämpfung für die Landwirtschaft spielen sie eine wichtige Rolle.“

    Im Rahmen der Veranstaltung diskutierten die Fachleute aus Wissenschaft, Zoologie und Politik daher nicht nur über Schlangenbisse als vernachlässigte Tropenkrankheit, sondern auch über globale Gesundheitsgerechtigkeit und die Verantwortung von Forschungseinrichtungen und Politik. „Moderne Zoos leisten heute weit mehr als Artenschutz und Tierhaltung. Sie sind Orte des Wissenstransfers, bringen Wissenschaft, Praxis und Öffentlichkeit zusammen und können mit ihrer Expertise auch Einsatzkräfte im Umgang mit Wildtieren unterstützen. Gleichzeitig nutzen wir unsere Reichweite, um auf globale Gesundheitsherausforderungen wie Schlangenbissvergiftungen aufmerksam zu machen.  Ein Thema, das jedes Jahr hunderttausende Menschen betrifft und dennoch vielerorts zu wenig Beachtung findet“, erklärt Dr. Andreas Pauly, Leiter der Abteilung für Tiergesundheit, Tierschutz und Forschung von Zoo, Tierpark und Aquarium Berlin. Neben Fachvorträgen erhielten die Teilnehmenden Einblicke in die Haltung von Giftschlangen im Aquarium Berlin sowie in die Bedeutung von Prävention, Bildung und internationaler Zusammenarbeit.

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    Today, 23. June
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