Müll so weit das Auge reicht

Ein Aquarium mit Meeresmüll zeigt die traurige Realität der Ozeane

Er taucht mit seiner Kamera ab und entdeckt viele Meter unter dem Meeresspiegel eine faszinierende Welt: Eine blaue PVC-Qualle schwimmt an einer Aluminiumdosen-Krabbe vorbei, die sich kurz ausruht, bevor sie die Strömung weiterziehen lässt. Ein grüner Einwegglas-Fisch sucht Schutz im Schatten einer Fischernetz-Koralle. Doch diese farbenfrohe Unterwasserwelt ist alles andere als idyllisch und sie breitet sich weltweit rasant aus. Die enorme Verschmutzung der Meere ist eines der größten Umweltprobleme weltweit. Sie verdrängt die echten Meeresbewohner und hat auch für den Menschen große Auswirkungen.

Informieren, weitersagen und helfen!

Zeitgleich zur #OurOcean-Konferenz im Oktober 2017 wurde im Aquarium Berlin ein Becken mit Müll dekoriert. Mit dieser Aktion will man den Besuchern das weltweite Problem der Meeresverschmutzung näherbringen. „Den meisten Leuten ist nicht bewusst, dass die heile Unterwasserwelt, wie wir sie aus dem Fernsehen, aber auch aus den Aquarien weltweit kennen, nicht immer der Realität entspricht“, berichtet Rainer Kaiser, Kurator des Aquarium Berlin. „Mit diesem Projekt möchten wir unsere Besucher für diese Thematik sensibilisieren. Jedem muss bewusst sein, dass man selbst auch betroffen ist, aber auch selber etwas dagegen unternehmen kann.“

Neptuns Reich – nur noch ein Müllhaufen

Bewusst wurde ein Becken gewählt, das präsent im Eingangsbereich des Aquariums liegt und dem Besucher sofort ins Auge springt. Im Vorfeld musste das ausgewählte Becken geleert, die Fische rausgefangen und in anderen Aquarien untergebracht werden. Im Becken selbst gibt es keine Lebewesen mehr. Selbst die im Wasser noch vorhandenen Korallen sind ausschließlich künstlich – lebende würden langfristig durch den Müll absterben. Um eine bestmögliche Darstellung des Mülls zu garantieren, wurde die Beleuchtung geändert und eine zusätzliche „Effektbeleuchtung“ installiert. Eine Strömungspumpe sorgt im Becken für eine Wasserbewegung, die beispielsweise die Kunststoffartikel in Bewegung hält. So springt das „Müll-Paradiso“ jedem Gast sofort ins Auge.

I´m a litter whirl in a litter world. Sea with plastic, it´s not fantastic.

This is our Ocean

Das Projekt „Müll-Paradiso“ ist Teil der EU-Kampagne „Our Ocean – World aquariums against marine litter“. In Zusammenarbeit mit der Fachabteilung der EU-Kommission für Umwelt, Marine Angelegenheiten und Fischerei setzen sich neben dem Aquarium Berlin viele weitere Aquarien weltweit dafür ein, über die akuten Zustände aufzuklären, zu informieren und allgemein die Aufmerksamkeit auf die dringende Problematik zu lenken. Die Weltmeere sind der Lebensraum für abertausend verschiedene und wichtige Tier- und Pflanzenarten, die wir gemeinsam retten und erhalten müssen.

Fünf vor zwölf

Man kann nur hoffen, dass sich die PVC-Qualle, die Aluminiumdosen-Krabbe oder der Einwegglas-Fisch nicht weiter in unseren Weltmeeren ausbreiten, sondern früher oder später aussterben werden. Vielleicht wird das vermüllte Aquarium in Berlin irgendwann nur ein Beispiel einer fernen, nicht mehr existierenden Realität sein. Jeder kann mithelfen, diese Zukunft wahr werden zu lassen.

Interview mit Dr. Tobias Rahde - Kurator für Artenschutz
Herr Dr. Rahde, warum wurde im Aquarium ein Becken mit Müll gestaltet?
Es ist wichtig, dass wir den Besuchern nicht nur die schöne, heile Unterwasserwelt zeigen, sondern ein Abbild der Realität. Denn diese sieht in den Ozeanen anders aus als prächtige Korallen und Schwärme farbenfroher Fische in unberührter Natur unter Wasser. In allen Meeren der Welt kann man die extreme Vermüllung der Ozeane erleben. Es ist uns wichtig, den Besuchern diese Realität und dieses große Problem vor Augen zu führen.
Welche Tierarten sind am meisten von der Meeresvermüllung betroffen?
Prinzipiell sind nahezu alle Tierarten vom Meeresmüll betroffen. Besonders hart trifft es aber Korallen, die unter den Massen an Plastik und Mikroplastik zu leiden haben. Aber auch Meeresschildkröten zählen mit zu den Hauptleidtragenden bei der Verschmutzung der Ozeane. Sie fressen versehentlich Plastiktüten, weil sie diese für Quallen halten. Das Plastik bleibt unverdaut im Verdauungstrakt und so verhungern die Schildkröten praktisch mit vollem Magen.
Was kann ich selbst dagegen tun?
Als erstes sollte man versuchen Müll grundsätzlich zu vermeiden. Beim Einkauf im Supermarkt kann man darauf achten, wie die Sachen verpackt sind. Am besten greift man auf Sachen zurück, bei denen die Verpackung leicht biologisch abbaubar ist – wie beispielsweise Papierverpackungen. Oder – da, wo es möglich ist – kauft man gleich Lebensmittel, die gar keine Verpackungen benötigen. Frisches Gemüse oder Obst wie Bananen und Orangen haben eine natürliche Verpackung. Ein großes Problem sind auch To-Go-Becher und To-Go-Essen. Am besten verzichtet man komplett auf diese Verpackungen. Der eigene Thermo-Kaffeebecher und die altbekannte Brotdose sind umweltschonende Alternativen. Das spart nicht nur Geld, sondern auch Ressourcen. Ganz vermeiden kann man Müll heutzutage natürlich nicht. Man sollte ihn jedoch dann wenigstens vernünftig trennen, damit er gut recycelt werden kann. Das sind alles nur viele Kleinigkeiten, die aber – wenn es jeder machen würde – große positive Auswirkungen hätten. Jetzt ist Zeit zum Handeln.

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Kommentare

22.12.2017Andrea Winkler-Keller

Ich bin leidenschaftliche Taucherin und könnte das Weinen bekommen, wenn ich den Müll in den Meeren sehe. Ich vermeide Verpackungen wo ich kann. Beim Tauchen habe ich immer einen Bergesack bei mir und sammle ein, was mir über den Weg schwimmt. Wenigstens ETWAS dagegen tun und andere immer wieder darauf aufmerksam machen.

22.12.2017Achim Schmeling

Im Oktober konnte ich es an der südafrikanischen Küste sehen wie dort der Plastikmüll angeschwemmt wurde . Furchtbar. In vielen Ländern gibt es keine Recyceling und dann landet der Müll in den Flüssen und von dort dann im Meer . Da wäre Hilfe aus Deutschland/ Europa sehr hilfreich.

22.12.2017Jule

Das gante Thema regt auf jeden Fall zum Nachdenken an. Je stärker sich die Menschheit "entwickelt" desto mehr verstärkt sich die Verschmutzung. Sie denken nicht mehr an die Natur, sondern an das Profit. Traurig diese Welt :(