Königin der Kampfkunst

Femme fatale, Kung Fu-Kämpfer oder japanisches Symbol für Wachsamkeit, Geduld und Beständigkeit – um die Gottesanbeterin ranken sich viele Mythen. Dieser Beitrag soll sämtliche Vorurteile über die Lebensweise und Eigenarten der faszinierenden Vertreterin der Fangschrecken beseitigen.

Alles hat einen Anfang

Ursprünglich stammt die europäische Gottesanbeterin (Mantis religiosa) aus Afrika. Von dort haben sich die bis zu 8 Zentimeter großen Weibchen und mit bis zu 5 Zentimeter deutlich kleineren Männchen über Südeuropa immer weiter in Richtung Norden ausgebreitet - bis nach Deutschland. Insgesamt zeigt das Aquarium fünf Arten der Fangschrecken aus tropischen und subtropischen Gegenden.

STECKBRIEF GEISTERMANTIS (PHYLLOCRANIA PARADOXA)

Herkunft
östliches und südliches Afrika

Lebensraum
Busch- und Strauchlandschaften in der offenen Savanne

Nahrung
kleinere Insekten, vor allem Fluginsekten wie Fliegen, Schnaken oder kleinere Falter

Bestand
variiert, meist zwischen 50 – 200 Tiere im gesamten Bestand

Größe
adult etwa bis zu 5 cm groß

Gewicht
unbekannt

Brutperiode
Fortpflanzung ist asaisonal, zumindest bei Haltung im Terrarium

Erreichbares Alter
Die Lebenserwartung hängt auch von Haltungstemperatur und Nahrungsangebot ab. Für gewöhnlich werden Weibchen (inkl. Larvenstadien) bis zu 11 Monate alt, wohingegen die Männchen insgesamt nur 8 Monate alt werden.

Kampfkunst 2.0

Besonders wohl fühlen sich die Insekten in sonnigen, trockenwarmen, meist in Südlage gelegenen Busch- und Strauchlandschaften mit lockerer Vegetation. Von dort gehen sie in ihrer namensgebenden Pose, mit angewinkelten, „betenden" Vorderbeinen, auf die Nahrungssuche. Durch langsames Gehen oder Klettern pirscht sich die Gottesanbeterin aus dem Hinterhalt an ihre Beute heran, meist kleine Insekten, selten auch Wirbeltiere, wie Frösche, Eidechsen oder Mäuse. Ist das Beutetier in Reichweite, wird es mit den großen Facettenaugen fixiert und die beiden Fangbeine schnellen auf das Beutetier zu. Diese Aktion dauert nur 50 bis 60 Millisekunden – das ist etwa sechsmal schneller, als ein Lidschlag des menschlichen Auges.

STECKBRIEF ASTMANTIS (POPA SPURCA)

Herkunft
östliches Afrika und Madagaskar

Lebensraum
Busch- und Strauchlandschaften in der offenen Savanne

Nahrung
kleinere Insekten, vor allem Fluginsekten wie Fliegen, Schnaken oder kleinere Falter

Bestand
variiert, meist zwischen 50 – 100 Tiere im gesamten Bestand

Größe
Weibchen bis zu 8cm
Männchen bis zu 7cm

Gewicht
unbekannt

Brutperiode
Fortpflanzung ist asaisonal, zumindest bei Haltung im Terrarium

Erreichbares Alter
Die Lebenserwartung hängt auch von Haltungstemperatur und Nahrungsangebot ab. Für gewöhnlich werden Weibchen (inkl. Larvenstadien) bis zu 11 Monate alt, wohingegen die Männchen insgesamt nur 7 Monate alt werden.

Was sich bewegt, wird gefressen!

Besonders bekannt ist die Gottesanbeterin für ihr außergewöhnliches Paarungsverhalten. Gelegentlich kostet die Fortpflanzung das männliche Tier das Leben: Das Weibchen verspeist diesen während oder nach der Paarung. Dies ist aber keineswegs zwingend. Natürlich kann es auch beim Paarungsakt zu einem unachtsamen Moment beim Männchen kommen, oder aber das Weibchen ist nicht paarungswillig und versucht das Männchen abzuschütteln. Dabei neigen aber einige Arten mehr und andere weniger dazu, ihre Männchen zu verspeisen. Meistens endet die Kopulation für beide Partner ohne Schäden.

Gut Ding will Weile haben

Zahlreiche Erfolge

Im Aquarium Berlin kann aufgrund jahrelanger Erfahrung und Zuchterfolge jedoch auf eine große Reservepopulation zurückgegriffen werden – ein Zukauf ist dadurch nicht nötig.   Die kontinuierliche Züchtung ist anspruchsvoll, weil bei jeder Art andere Futtervorlieben und Haltungsbedigungen beachtet werden müssen. Besonders aggressive Arten müssen einzeln gehalten und versorgt werden. Aus diesen Gründen werden Gottesanbeterinnen in anderen Einrichtungen zwar gelegentlich gezeigt, aber nicht in so großer Zahl gezüchtet wie im Aquarium Berlin.

Die Faszination der Welt der Insekten

Im Aquarium ist für Besucher immer mindestens eine Mantiden-Art sichtbar. Welche Arten das sind, variiert und hängt von der jeweiligen Bestandsgröße ab und ob gerade Platz in einem der Schauterrarien ist. Zurzeit sind die Arten Phyllocrania paradoxa – die Geistermantis und Popa spurca – die kleine Astmantis in der obersten Etage des Aquariums zu sehen. So vielfältig die Details sind, auf die man bei der Haltung und Züchtung achten muss, so eindeutig ist doch das Fazit: Im Aquarium Berlin herrscht kribbeliges Treiben und es wird auch in Zukunft dank unserer Tierpfleger viele neue fantastische Kreaturen zu entdecken geben.

Über die Lebensweise und die Eigenarten der Gottesanbeterin erzählt unser Tierpfleger Shahin Tavangari im Interview.
Herr Tavangari, kann man bei uns Gottesanbeterinnen in der Natur finden?
Es gibt in Deutschland eine Mantiden-Art, die hier heimisch ist. Sie heißt Mantis religiosa und war ursprünglich in Deutschland nur im Süden zu finden. Mittlerweile gibt es aber auch Bestände in und um Berlin. Diese Art ist streng geschützt, wird im Aqaurium aber nicht gehalten. Alle Arten, die wir im Aquarium haben, kommen aus tropischen und subtropischen Gegenden und sind in Deutschland in der Natur daher nicht zu finden.
Wie viele verschiedene Arten gibt es?
Es gibt über 2400 Arten. Im Aquarium haben wir immer ca. 10 Arten in der Zucht. Davon einige dauerhaft und andere nach Gelegenheit. In der Schau sind davon meist etwa 5 Arten zu sehen. Zurzeit haben wir Phyllocrania paradoxa (Geistermantis), Popa spurca (kleine Astmantis), Hierodula membranacea (Indische Gottesanbeterin) und Parasphendale agrionina (Ostafrikanische Gottesanbeterin) im Besucherbereich.
Was für Lebensräume bevorzugt die Gottesanbeterin?
Da es ja nicht „die“ Gottesanbeterin gibt, kann man das auch nicht so allgemein sagen. Es gibt Mantiden in sämtlichen Lebensräumen, in denen es warm genug ist. Man findet sie also in Steppen, Wäldern, auf Wiesen und sogar in Wüsten. Die meisten allerdings bevorzugen eine eher strauchige Landschaft.
Können Mantiden fliegen?
Das ist ganz unterschiedlich. Bei einigen Arten können beide Geschlechter ausgezeichnet fliegen. Bei anderen Arten können nur die Männchen fliegen. Bei manchen Arten fliegen beide nicht.
Frisst das Weibchen denn wirklich nach der Paarung immer das Männchen auf?
Das kann sein, muss aber nicht. Gottesanbeterinnen haben sich auf den Fang von Fluginsekten spezialisiert. Demnach wird alles was fliegt als potentielle Beute angesehen. Da die Männchen der meisten Arten sehr gut fliegen können, werden sie gelegentlich für Nahrung gehalten. Wenn das Männchen noch die Gelegenheit bekommt, sich während es gefressen wird mit dem Weibchen zu paaren, dann tut es das, denn letztendlich geht es in der Natur ja irgendwie immer um die Weitergabe der eigenen Gene. Für gewöhnlich weiß ein Männchen mit Paarungsabsicht aber sehr wohl, wie es sich einem Weibchen nähern muss, um sich paaren zu können ohne dabei gefressen zu werden. Dabei fliegen sie von hinten auf das Weibchen auf und klammern sich gleich mit ihren Fangarmen am Flügelansatz der Weibchen fest. In dieser Position sind sie für die Weibchen nicht erreichbar und können nach vollzogener Paarung einfach wieder unbeschadet davonfliegen.
Wie oft im Jahr gelingt eine Nachzucht?
Die Frage kann man nicht so generell beantworten. Wir haben viele verschiedene Arten und immer gerade von irgendeiner Art Nachwuchs da. Mal schlüpfen gerade mehr der einen Art, mal mehr von der anderen. Betrachtet man das Individuum ist das einfacher zu beantworten, da die Tiere ja kaum älter werden als ein Jahr, die meisten Arten bleiben sogar darunter. Jedes Weibchen kann mehrere Ei-Pakete ablegen, meist sind es 1-3 in ihrem Leben. Das wären dann also 1-3 Mal Nachwuchs im Jahr pro Individuum. Wobei nicht aus allen Ei-Paketen etwas schlüpft, nicht alle Weibchen begattet werden und nicht alle Weibchen auch tatsächlich so alt werden, dass sie drei Ei-Pakete ablegen können.
Können Gottesanbeterinnen dem Menschen etwas tun? Sind sie giftig oder können sie beißen?
Nein, die Gottesanbeterin beißt nicht, ist nicht giftig und nicht schädlich. Gottesanbeterinnen würden für gewöhnlich eher vor dem Menschen fliehen. Wenn sie sich bedroht fühlen, drohen sie indem sie die Flügel aufstellen und sich größer machen. Aber auch dann gehen sie für gewöhnlich nicht zum Angriff über. Wenn man sie allerdings festhält oder einengt, dann können sie äußerst schmerzhaft zubeißen.

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