Die Ameisen-Chroniken

Sensationsfund im Archiv der Zoologischen Gärten Berlin

Im Keller des Aquarium Berlin befinden sich allerhand historische Schätze. Kürzlich stießen Historiker auf alte Briefe einer jungen Blattschneideameise, die aus Südamerika nach Berlin auswanderte. Darin berichtet sie ihrem in Amerika zurückgebliebenen Bruder von ihrem neuen Leben in der deutschen Hauptstadt. Es wird vermutet, dass die Briefe in den Wirren des Mauerfalls niemals abgeschickt werden konnten. Die folgenden Auszüge aus gut einem Dutzend Briefe geben interessante Einblicke in das Leben dieser faszinierenden Tiere.*

Das Volk

„Lieber Attini,

ich bin nach langer Überfahrt gut in Europa gelandet. Hier ist einiges anders als bei uns und irgendwie ist doch alles gleich. 

Die Auswanderergemeinde hier ist relativ klein, nicht zu vergleichen mit unseren Völkern von mehreren Hunderttausenden Ameisen Zuhause. Hier sind wir nur einige Tausend Individuen.

Dementsprechend kleiner ist hier natürlich auch unsere Unterkunft. Aber unser Elternhaus war mit den vielen tausend Speisekammern, Müllkammern, Kinderzimmern und einem Durchmesser von bestimmt fünf Metern auch schon echt groß.“

Die Landwirtschaft

„Auch hier lebt unser Volk von der Landwirtschaft. Die Pilze, die wir anbauen sind dieselben Egerlingsschirmlinge, wie bei uns Zuhause in Südamerika. Nur die Blätter mit denen wir die Pilze füttern sind meist andere. Doch auch hier gilt das Motto „Probieren geht über Studieren“. Am besten bewährt haben sich zur Fütterung der Pilze Brombeerblätter, Forsythie – sowohl grüne Blätter als auch gelbe Blüten - und auch Liguster. Eichen oder Buchenblätter funktionieren überhaupt nicht und hätte uns fast einmal die ganze Ernte gekostet. Wir vermuten, dass die Blätter irgendwelche fungiziden Stoffe enthalten. 

Auch die Pflanzenschutzmittel, die wir für unsere Pilzfarmen verwenden, damit andere Pilzarten nicht unsere schöne Ernte kaputt machen, stellen wir hier selbst her. Das Rezept ist ja aber auch so ausgeklügelt, dass es da eigentlich keinerlei Verbesserung geben kann.“

Das Kastensystem

„Was mich am meisten enttäuscht hat, ist allerdings das Traditionsbewusstsein der Acromyrmex-Expats hier. Man sollte meinen, unsere Vorfahren seien ausgewandert, um ihr altes Leben mit all den Restriktionen und Engstirnigkeiten hinter sich zu lassen. Stattdessen ist dieses blöde Kastensystem auch hier in dieser „ach so fortschrittlichen“ Großstadt einfach unverrückbar. Man sieht die angeborene Zugehörigkeit zu seiner Kaste fast so eng wie bei den Atta-Völkern. Ich habe versucht, mich um einen Ausbildungsplatz bei den Gärtnerinnen zu bewerben – keine Chance. Aufgrund meiner Größe haben die sofort gesehen, dass ich zu der Kaste der Blattschneider gehöre. Einmal Blattschneider, immer Blattschneider wie es scheint. Von wegen Gleichberechtigung -was für eine Diskriminierung! Hier gibt es zwar sowas wie Gleichstellungsbeauftragte, aber mit dem Kastenwesen der Blattschneideameisen befassen die sich noch lange nicht. Bei den Soldaten habe ich dann gar nicht erst angefragt, dazu bin ich dann wohl wieder zu klein und meine Mandibeln sind da vermutlich auch nicht beeindruckend genug für. Vielleicht habe ich noch als Erzieherin eine Chance, in der Kita herrscht hier ein notorischer Betreuungsnotstand, vielleicht machen sie da dann doch mal eine Ausnahme, auch ohne die nötige Ausbildung. So schwer kann die Brutpflege ja nicht sein. So ein paar pummelige Larven versorgen, das kriege ich bestimmt hin.

Grüße an alle aus dem fernen Berlin

Deine Attina“

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