Zoo-Aquarium Berlin: Ein Zentrum für Quallenhaltung
Das Zoo-Aquarium in Berlin ist Deutschlands größtes, aber auch eins der traditionsreichsten Aquarienhäuser. 1913 eröffnet, wurde es im 2. Weltkrieg zerstört und in den 50er Jahren schrittweise wieder aufgebaut. Mit seinem erneuten Umbau in den Jahren 1978-83 fand eine Schwerpunktverlagerung von der Ausstellung zur Zucht statt.
Aber auch danach ist die Zeit nicht stehen geblieben. Die Eiweißabschäumer wurden weiterentwickelt und sind in Berlin heute an jedem der 36 Seewasseraquarien der Schau montiert. HQI-Strahler - heute meist mit Blaufiltern versehen oder mit 10.000K Brennern bestückt haben inzwischen selbst an Kleinstbecken die L-Lampen ersetzt. Strömungspumpen sorgen in allen Seewasser- und vielen Süßwasseraquarien für die gewünschte Wasserbewegung, bzw. Strömung, und alle entscheidenden Installationen sind computergesteuert und -überwacht.
Dennoch ist das ganze kein High-Tech-Aquarium, sondern entscheidender als alle Technik ist noch immer das Fingerspitzengefühl des Tierpflegers. Aquarientechnik allein kann nur hilfreich und höchstens Vorraussetzung für Haltungs- und Zuchterfolge sein. So auch hier im ZOO-AQUARIUM BERLIN, dem nach dem Aufbau großer mariner Planktonkulturen Welterstnachzuchten verschiedener Korallenfischen gelang.
Diese Planktonkulturen sowie neue Strömungs- und Filtertechniken gestatten heute auch die Haltung von Quallen, die mit den Korallen und Anemonen zum Stamm der Nesseltiere zählen. Fast jeder kennt die Quallen von einem Seeurlaub als unangenehm nesselnde oder - angespült - als unansehnliche Tiere. In Wirklichkeit aber sind Quallen ausgesprochen hübsch und filigran. Wenn sie mit pulsierenden Schirmbewegungen durch das Wasser gleiten, wirken sie fast wie Lebewesen eines anderen Sterns. Kaum jemand kann sich ihrer ästhetischen Schönheit entziehen. Nirgendwo besser als im Aquarium sind Quallen zu beobachten. Dennoch waren sie bis vor wenigen Jahren höchstens einmal für kurze Zeit in Aquarienhäusern an der Küste zu sehen. Zu kompliziert war ihre Haltung und Zucht.
Das liegt zum einen daran, dass die meisten Quallenarten nicht durch ihre pulsierenden Schwimmbewegungen in der Schwebe bleiben, sondern langsam zu Boden fallen und dort nach einiger Zeit sterben, zum anderen in ihrer komplizierten Fortpflanzungsbiologie.
Neben der Qualle als geschlechtliche Medusengeneration, gibt es nämlich auch noch eine ungeschlechtliche, nur wenige Millimeter große, Polypengeneration.
Außerdem finden wir Quallen und Polypen in drei zoologisch nur entfernt miteinander verwandten Gruppen, nämlich den Würfelquallen, den Hydroquallen (Hydrozoa) und den Schirmquallen. Die Polypen vermehren sich vegetativ durch Knospung oder Abschnürung von Schwimmknospen. Die Jungpolypen lösen sich im Allgemeinen von ihrem Ausgangspolypen und leben einzeln, nur Hydrozoa-Polypen sind stockbildend.
Die Polypen der Schirmquallen schnüren unter bestimmten Bedingungen von ihrer Mundscheibe Quallenlarven (Ephyralarven) ab. Dieser Abschnürungsvorgang wird als Strobilation bezeichnet. Die Ephyren wachsen über mehrere Monate langsam zu Quallen heran. Diese sind je nach Art getrenntgeschlechtlich oder Zwitter. Aus ihren befruchteten Eiern schlüpfen freischwimmende Planula-Larven, die sich am Untergrund festsetzen und zum Polyp umwandeln. Bei den Hydroquallen hingegen vermehren sich nicht nur die Polypen durch Sprossung, sondern auch die Quallen. Es fehlen also Strobilation und Ephyra.
Die Meduse der Würfelquallen hingegen entsteht nicht durch die Abschnürung oder Sprossung, sondern hier wandelt sich der gesamte Polyp zur Qualle um. Aus jedem Polyp entsteht deshalb nur eine Meduse. Sofort nach ihrer Abschnürung müssen die kleinen Miniquallen ebenso wie später die erwachsenen Quallen durch eine leichte, strudelfreie Strömung in der Schwebe gehalten werden. Gelingt dies und steht genügend Futter zur Verfügung wachsen die Quallen in einigen Monaten bis zur Geschlechtsreife heran. Schon bald sind dann auch die ersten Polypen im Aquarium zu finden.
Erfolgreicher und sicherer als die geschlechtliche Vermehrung ist die Polypenkultur. Um Quallennachwuchs zu bekommen, lässt man nur einige Polypen strobilieren. Hierfür muss der Tierpfleger die für eine Strobilation wichtigen Faktoren herausfinden. Meist sind dies eine schnelle Temperaturveränderung, eine Intensivierung der Strömung, eine Veränderung des Jod- und Salzgehaltes und häufig eine höhere Lichtintensität.
In Deutschland wurden erstmals im Löbbecke-Aquarium Düsseldorf Ohrenquallen im sog. Planktonkreisel langfristig gehalten. das kalifornische Monterrey Bay Aquarium veränderte diesen ursprünglich nur für kleine Planktonorganismen konzipierten Planktonkreisel und sorgte als erstes Aquarium 1992 mit einer großen Quallenschau weltweit für Aufsehen. Im ZOO-AQUARIUM BERLIN ließen sich entsprechend große Planktonkreisel nicht einbauen. Deshalb werden hier seit 1988 Ohrenquallen in ganz normalen, allerdings umgestalteten viereckigen Betonbecken gehalten. Im Abstand von 20cm stehen vor den Rück- und Seitenwänden perforierte Acrylscheiben. Hinter diesen Lochwänden sind die Leitungen für Filter und Strömungspumpen fixiert. Die senkrechten, durch Ventile regulierbaren Ausströmrohre der Strömungspumpen sind plan in einem Ausschnitt der Acrylplatten montiert und besitzen auf ganzer Länge eine Reihe Löcher. So werden Strudel im Ausströmbereich vermieden, aber eine langsame, permanente Zirkulation der gesamten Wassersäule ohne die für Quallen schädlichen Turbulenzen und Luftblasen ist garantiert.
Nach ersten guten Haltungs- und Zuchterfolgen mit Ohrenquallen (Aurelia aurita) kamen von befreundeten Instituten und Aquarien in Europa, Japan und den USA Polypen weiterer Quallenarten nach Berlin. Doch nicht bei allen gelang die langfristige Haltung.
Wegen der bei der Quallenzucht notwendigen Sauberkeit findet die Zucht in einem speziellen Zuchtraum statt. Hier werden die Polypen der einzelnen Quallenarten in kleinen Nurglasbecken gehalten, die jeweils zu fünft in einem Wasserbad bei konstant 13°C, 18°C oder 24°C stehen. Zur Strobilation werden nur einige, gut gefütterte Polypen in ein anderes Becken umgesetzt. In ihm lassen sich die Wasserwerte entsprechend einstellen, ohne dabei unter Umständen den Verlust der gesamten Polypenpopulation zu riskieren.
Die Ephyren und Jungquallen werden in 65-Liter-Nurglasbecken bei 14-28°C gehalten. Grobe Luftperlen garantieren die notwendige Wasserbewegung. Sobald die kleinen Quallen etwa 5 mm groß sind und sich Luftblasen unter dem Schirm verfangen könnten, werden sie in größere 360-Liter-Becken mit V-förmigen Boden umgesetzt. An dessen tiefster Stelle liegt das Ausströmrohr und sorgt für eine leichte Zirkulationsströmung vom Boden zur Wasseroberfläche.
Die Polypen müssen bei vielen Arten etwa 5-10°C kälter gehalten werden als die Medusen. Für die Strobilation werden nur Polypen in guter Kondition benutzt und vielfach die Wassertemperatur um bis zu 10°C für einen Zeitraum von 2-4 Tage erhöht. Dann wird nach einem teilweisen Wasserwechsel der Jod- und Salzgehalt des Wassers verändert und für 1-2 Tage die Wassertemperatur wieder auf die Ausgangstemperatur oder sogar 5°C tiefer zurückgefahren. Danach beginnt normalerweise die Strobilation.
Bei Quallen mit symbiontischen Algen (z.B. Mastigias papua, Cotylorhiza tuberculata und Phyllorhiza punctata) ist der Lichtfaktor für die Strobilation ebenfalls wichtig. Um Vernesselung und Futterkonkurrenz zwischen Polypen und Ephyren zu vermeiden, sind diese voneinander zu trennen. Je nach Größe und Art fressen die Ephyren anfangs nur Rädertierchen oder auch schon Salinenkrebslarven. Für die Ephyrenaufzucht muss die Wasserströmung anfangs zwar relativ stark sein, darf aber die kleinen Medusen nicht beim Schwimmen behindern und niemals das Futter von den Tentakeln spülen.
Bei einem Durchmesser von 1-2 cm können alle Arten dreimal pro Tag mit Artemianauplien gefüttert werden. Quallenarten mit Zooxanthellen müssen ab einer bestimmten Größe für 12 Stunden mit 250-Watt-HQI-Strahlern beleuchtet werden. Polypen, Ephyren und Jungquallen aller Quallenarten können unter ähnlichen Bedingungen gehalten werden, nicht jedoch die erwachsenen Quallen. Medusen mit einem großen Schirm und relativ kleinen Körper, wie z.B. Ohrenquallen, benötigen eine horizontale Wasserbewegung, die meisten Wurzelmundquallen hingegen wegen ihres relativ schweren Körpers eine vertikale. Für manche Arten (z.B. Mastigias papua), von denen in der Natur vom Sonnenstand abhängige tagesrhythmische Wanderungen bekannt sind, spielt auch im Aquarium für ihre Schwimmbewegungen die Richtung des Lichts eine Rolle.
Nach 12 Jahren Quallenhaltung im ZOO-AQUARIUM BERLIN sind von den über 20 Quallenarten nur als Polypen permanent in Kultur. Erst bei Bedarf werden Medusen gezüchtet. Bei anderen wiederum gelang dies nur schwer oder gar nicht, wie etwa bei Würfelquallen. Die wenigen aus Japan erhaltenen Polypen waren schon bei ihrer Ankunft einfach zu klein und in zu schlechter Kondition, um sie langfristig zu halten. Wegen ihrer hohen Giftigkeit und der beim Umgang mit diesen - immer nur sehr kleinen - Würfelquallen für den Tierpfleger verbundenen Gefahr war dies vielleicht sogar ein Segen.
Probleme bei der Strobilation gab es anfangs bei Lungenquallen (Rhizostoma pulmo) und Pazifischen Kompassquallen (Chrysaora fuscescens), die zwar strobilierten, deren Strobilation sich aber nicht mehr stoppen ließ. Folglich wurden die wenigen Polypen immer kleiner und waren schließlich nicht mehr überlebensfähig.
Häufig gilt die Ohrenqualle (Aurelia aurita) für die Haltung als 'Anfängerqualle'. Haltungsvoraussetzung ist eine leichte, strudelfreie, horizontale Wasserzirkulation. Die Polypen sind groß genug und können ebenso wie später die adulten Medusen mit Salinenkrebslarven gefüttert werden. Doch nach den Erfahrungen in Berlin ist die tropische Wurzelmundqualle (Phyllorhiza punctata) fast leichter zu pflegen, benötigt wegen ihrer symbiontischen Algen aber viel intensives Licht.
Als dritter Quallentyp bietet sich die Kompaßqualle (Chrysaora melanaster) mit ihren langen Tentakeln an. Sie benötigt anfangs eine leichte vertikale Wasserzirkulation, wächst jedoch schnell heran und schwimmt auch im Aquarium durch ihre pulsierenden Schirmbewegungen aktiv herum. Ihre Jungquallen fressen Salinenkrebslarven, doch schon bald werden größere Futterbrocken genommen. Diese nimmt die Kompassqualle nicht nur aus dem Wasser, sondern mit ihren langen Tentakeln auch vom Boden und der Wasseroberfläche auf. Abwechslungsreiches Futter, vor allem aber die Fütterung mit Quallen ist Grundvoraussetzung für schnelles Wachstum. Außer Quallen fressen Kompassquallen Mysis, Sandgarnelen, Fisch und sogar Trockenfutter. Bei der Verfütterung von Quallen ist übrigens interessant, dass Kompassqualle und Kamtschatka-Qualle (Phacellophora camtschatica), die als Futterspezialist fast nur von Quallen lebt, niemals Quallen der eigenen Art fressen, nicht einmal als Teilstücke. Wahrscheinlich erkennen die Quallen ihre Artgenossen durch Chemorezeptoren.
Ähnliche interessante und manchmal neue Beobachtungen und Erkenntnisse lassen sich bei der Quallenhaltung immer wieder gewinnen. So konnte in Berlin wahrscheinlich erstmals beobachtet werden, dass sich nicht nur - wie bekannt - Polypen vegetativ vermehren, sondern Mangrovenquallen (Cassiopea spec.) dies auch als erwachsene Quallen durch Querteilung tun. Hohe Lichtintensität scheint hierbei eine entscheidende Rolle zu spielen. Nur bei absoluter Dunkelheit und tiefen Temperaturen hingegen scheinen sich Polypen von Kompassquallen vegetativ zu vermehren, bei höheren Temperaturen und Beleuchtung strobilieren sie. Dies sind nur einige wenige Beispiele, dass gerade im Aquarium Beobachtungen und Erkenntnisse möglich sind, die im freien Meer kaum gemacht werden können. Sie zeigen aber auch, wie wenig wir bisher selbst bei ganz gewöhnlichen und in der Natur zum Glück noch häufigen Tieren wie den Quallen von deren Lebensweise wissen. Schon deshalb lohnt es, Quallen im Aquarium zu pflegen.
Um diese Geheimnisse zu lüften und wegen des hohen Schauwertes von Quallen beginnen immer mehr Aquarienhäuser, diese interessanten und attraktiven Tiere zu halten. Oft dient das ZOO-AQUARIUM BERLIN als erste Anlaufstelle für Ratsuchende, denn noch immer ist es das einzige Binnenlandaquarium der Welt, das sogar in synthetischen Seewasser so viele verschiedene Quallenarten züchtet. Deshalb kamen in den letzten Jahren Kollegen aus Südafrika, Israel, Spanien, Portugal, Italien, Holland und Großbritannien nach Berlin, um hier die Geheimnisse der Quallenhaltung zu lernen, und zum Aufbau neuer Zuchten wurden Quallen von Berlin aus weltweit verschickt. Da Schauaquarien heute generell an der Quallenhaltung großes Interesse haben, schuf die EUAC (Europäische Vereinigung der Aquarienkuratoren) ein Zuchtprogramm für Quallen. Federführend ist hier, in Kooperation mit dem Zoo Basel, das ZOO-AQUARIUM BERLIN. Wegen der noch immer geringen Erfahrung und Kenntnis bei der Quallenhaltung ist dieses Programm nicht wie sonst üblich auf Europa beschränkt, sondern Aquarienhäuser aller Kontinente arbeiten hierbei mit. Über 20 Schauaquarien weltweit sind bis jetzt in dieses Programm integriert. Am Ende wissen hoffentlich alle Beteiligten mehr über das Leben und die Haltung von Quallen als heute.










