Von der Schlange, die keinen Schluckauf hat

Jedes Jahr aufs Neue kommen besorgte Besucher zu den Aquariums-Mitarbeitern und weisen sie auf eine Schlange hin, die scheinbar einen Schluckauf hat. In der ersten Etage liegt in einem Terrarium eine Tigerpython zusammengerollt und zuckt in regelmäßigen kurzen Abständen mit dem ganzen Körper.

Dass diese Schlange einen dauerhaften Schluckauf hat – wie damals Orang-Utan-Baby Rieke im Zoo – erscheint eindeutig. Doch das zuckende Reptil im Terrarium ist weit entfernt von einem Schluckauf oder einer anderen Krankheit. Ihr Verhalten ist völlig natürlich.

Temperaturregler im Schlangendesign

Der „Schluckauf“ gehört zum normalen Brutverhalten der Tigerpythons. Viele Pythonarten können mit dem Zucken die Temperatur erhöhen. Die Weibchen betreiben so die Thermoregulation ihres Geleges. Bis zu fünf Grad Temperaturunterschied kann so erzeugt werden. Um ihrer Brut die perfekte Umgebungstemperatur zu geben, haben Pythonweibchen keine andere Möglichkeit, als mit ihrem Körper zu zucken. Denn als wechselwarme Tiere haben sie keine eigene Körpertemperatur, die sie an den Nachwuchs abgeben können. Je kälter es ist, desto mehr Zuckungen kommen. Im Aquarium ist die Umgebungstemperatur des Terrariums 29 Grad, ein bis zwei Grad wärmer wäre die perfekte Temperatur für das Schlangengelege.

Wer nicht zuckt, verliert

Keine Fressfeinde oder Konkurrenten, genug Futter, die richtige Temperatur – Dank optimaler Lebensverhältnisse im Aquarium bekommen Tigerpythons im Jahreszyklus Nachwuchs. Aufgrund wechselnder Bedingungen kann dieses in freier Wildbahn bis zu zwei Jahre dauern.

Da im Aquarium Berlin jedoch derzeit keine Nachzuchten für diese Schlangenart geplant sind, wird dem Tier nach der Eiablage das Gelege weggenommen. Doch wer meint, dass nun der Schluckauf endet, der täuscht sich. Denn auch jetzt wo die Eier nicht mehr da sind, zuckt die Python weiter. Das ist dem Hormonhaushalt und Instinkt der Schlange geschuldet. 60 bis 80 Tage wird diese Phase nun dauern. Genau so lange wie eine echte Brut.

Brutzeit ist Fastenzeit

Während die Männchen in der Paarungszeit zwei bis drei Monate nichts fressen, nehmen Tigerpython-Weibchen unter Umständen sogar vier Monate lang keine Nahrung zu sich. Für die Dauer von zwei Monaten Trag- und zwei Monaten Brutzeit bleibt der Schlangenmagen leer. Zwar müssen Schlangen generell nicht viel fressen – weil sie wechselwarm sind und keine Kalorien für die Wärmeregulation verwerten müssen – der mit der Brutzeit verbundene „Schluckauf“ ist jedoch sehr energieaufwendig. Daher fährt das Weibchen in dieser Zeit ihren eigenen Haushalt noch weiter herunter und bewegt sich nicht von der Stelle.

Andere Schlangen, andere Sitten

Das Zucken zur Temperaturregelung gibt es nur bei Pythonarten, die ihren Nachwuchs nach dem Schlupf auch komplett sich selbst überlassen. Ansonsten ist die Brutpflege bei Schlangen sehr unterschiedlich. Während Boas ihre Eier praktisch im Körper brüten und sie kurz vor dem Schlupf gebären, bewachen Nattern ihr Gelege einige Tage gegen Fressfeinde, bevor sie die Eier sich selbst überlassen.

Ein Umzug wirkt Wunder

Mit einem Umsetzen der Schlange in ein anderes Terrarium könnte man dem Verhalten der Tigerpython entgegenwirken – der „Schluckauf“ würde mit dem Umzug mit großer Wahrscheinlichkeit aufhören. Doch auch wenn das Zucken der Schlange viele Besucher irritiert und einen hohen Energieaufwand für das Tier selbst bedeutet, sehen die Pfleger von dieser Maßnahme ab. Es ist ein natürliches Verhalten der Schlange ohne Gefahr für die Gesundheit des Tieres. So werden auch künftige Besucher des Aquariums in den Genuss der Schlange mit Schluckauf kommen. Und mit Sicherheit wird sich dann wieder der ein oder andere Gast besorgt an die Mitarbeiter wenden.

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Kommentare

21.05.2017Ani

Diesen "Schluckauf" habe ich selbst schon mehrmals beobachtet. Sehr schön, dass das hier erklärt wird! Wieder was dazu gelernt :)