Brückenechse
Brückenechsen (Sphenodon punctatus) sind ein Relikt aus früheren Erdzeitaltern. Sie gelten deshalb als "lebende Fossilien" und sind einzige Überlebende der Schnabelkopfartigen (Rhynchocephalia), einer Reptiliengruppe, die zoologisch gesehen als eigene Ordnung im systematischen System auf gleichem Rang neben den Schildkröten, Krokodilen, Echsen und Schlangen steht.
Als sich im Mesozoikum vor 200 Millionen Jahren die Saurier entwickelten, gab es die Rhynchocephalia bereits. So sind aus dem Trias 21 Arten und aus der Kreidezeit noch 1 Art fossil bekannt. Lange Zeit galten die Rhynchocephalia als ausgestorben. Doch 1831 entdeckte GRAY die Brückenechsen, die er jedoch zu den Agamen stellte, und erst 1867 erkannte GÜNTHER die Sonderstellung der Brückenechse. Als einzige Gattung aus dieser ehemals weltweit, auch in Europa, verbreiteten Gruppe der Schnabelkopfartigen haben die Brückenechsen auf den Inseln Neuseelands überlebt.
Charakteristisch für Brückenechsen ist am Schädel eine doppelte knöcherne Überbrückung der Schläfenöffnung. Deshalb der deutsche Namen Brückenechse, doch auch unter dem Maori-Namen Tuatara ist sie bei uns bekannt. Ferner besitzen die Tuataras noch Bauchrippen und als Jungtiere ein Parietalauge mit Resten einer Hornhaut und Linse. Zwischen den beiden Zahnreihen des Oberkiefers schiebt sich bei Brückenechsen scherenartig die Zahnreihe des Unterkiefers. Die Zähne selbst sind im Gegensatz zu den Verhältnissen bei Echsen und Schlangen mit dem Kiefer verwachsen. Hingegen besitzen die Tuataras keinen Ohrkanal, obgleich sie Geräusche von sich geben. Den männlichen Brückenechsen fehlt - und dies ist einzigartig im Reptilienreich - ein Begattungsorgan. Die Körpertemperatur der Brückenechse liegt nur bei 6,2-14°C und Umgebungstemperaturen von über 23°C werden zumindest langfristig nicht vertragen.
Brückenechsen sind mittelgroße, grabende Echsen. Ihre Lebensdauer beträgt über 60 Jahre. Geschlechtsreif werden sie nach 9-13 Jahren. Die Weibchen legen normaler Weise nur alle 4-5 Jahre Eier. Das Gelege besteht aus durchschnittlich 11 Eiern. Die Brutdauer beträgt 12-15 Monate.Bereits 1894 berichtet BERG im Zoologischen Garten über die Haltung seiner, 1893 gehaltenen Brückenechse. Der Zoo Amsterdam hielt bereits 1887 kurzfristig 2 Brückenechsen. Berühmt wurde die Brückenechse der Universität Upsala, die 1908 eintraf und dort über 26 Jahre lebte.
Obgleich in Neuseeland der unkontrollierte Fang seit 1895 und das Sammeln der Eier seit 1898 verboten waren, trafen nach dem 2. Weltkrieg in Absprache mit den Naturschutzbehörden immer wieder einzelne Brückenechsen in europäischen Zoos ein, so z.B. 1957 in Basel ein Weibchen, das dort 3 Monate später 4 unbefruchtete Eier legte und danach starb. 1958 erhielt der Baseler Zoo nochmals ein Weibchen. Von 1956-60 und von 1964 an lebten Brückenechsen im Frankfurter Senckenberg Museum. Von 1965 bis 1975 hielt das Kölner Aquarium eine Brückenechse in einem gekühlten Terrarium direkt am Eingang des Hauses.
Obgleich das damalige Kölner Brückenechsenterrarium nicht gerade groß war, überzeugte die eigentlich recht simple Lösung der Temperaturprobleme damals die meisten Kollegen. Doch trotz vieler Versuche von verschiedenen Seiten kamen nach der Ankunft der Kölner Brückenechse im August 1965 keine weiteren Brückenechsen offiziell nach Deutschland, bis 1990 das ZOO-AQUARIUM BERLIN plötzlich das Angebot erhielt, in Kooperation mit der neuseeländischen Naturschutzbehörde und der Victoria Universität Wellington eine Gruppe juveniler Sphenodon punctatus zu übernehmen, und zwar möglichst schnell.
Bedenkt man, daß auch heute überhaupt nur 137 Brückenechsen in 10 Institutionen gehalten werden und davon außerhalb Neuseelands nur 43 Tiere in 6 Zoos und eine 1965 angekommene Brückenechse im Senckenberg-Museum, dann war ein solches Angebot natürlich faszinierend, aber es bedeutete auch eine besondere Verantwortung und einen hohen Einsatz, um diese seltenen Reptilien optimal zu pflegen.
Durch die seit 1985/86 laufenden intensiven Freilandforschungen von DAUGHERTY und Mitarbeitern wissen wir heute über den rezenten Bestand an Brückenechsen und deren Biologie bedeutend mehr als noch Anfang der 70er Jahre. Entgegen der damals geltenden Lehrmeinung kennen wir heute nicht nur eine, sondern zwei rezente Arten, nämlich Sphenodon guntheri und Sphenodon punctatus. Letztere wiederum besteht aus zwei Unterarten, nämlich Sphenodon p. punctatus und Sphenodon p.n.ssp. Die beiden Sphenodon-Arten leben noch auf 30 kleinen, z.T. winzigen Inseln vor der Küste der beiden neuseeländischen Hauptinseln. Sie bewohnen ein Gebiet, das weniger als 0,1% der früheren Verbreitung der Brückenechse ist. Allein in diesem Jahrhundert sind die Brückenechsen auf 100 Inseln ausgestorben, auf zwei Inseln sogar seit 1980. Die Art S. diversum ist nur aus Knochenfunden von der Ostküste der Nordinsel bekannt und von der Unterart S.p. reischeki auf Little Barrier Island wurde seit 1978 kein Tier mehr gesehen (DAUGHERTY, CREE, HAY & THOMPSON, 1990). Insgesamt leben heute von S.guntheri auf Brother's Island noch 300 adulte Tiere und bei S.punctatus von der Unterart S.p.punctatus rund 10.000 Tiere auf 25 kleinen Inseln und von S.p.n.ssp., der Cook-Strait-Population, noch 45.000 Tiere auf 4 kleinen Inseln zwischen den beiden neuseeländischen Hauptinseln (CREE, DAUGHERTY, TOWNS, & BLANCHARD, 1994).
Durch die Freilandforschung der letzten Jahre kennen wir heute die normale Bestandsdichte im natürlichen Lebensraum, die bei maximal 1.500 Tieren pro Hektar oder, anders ausgedrückt, bei einem Tier pro 7 m² liegt. Deshalb gelten Terrariengrößen wie seinerzeit im Kölner Aquarium oder Basler Zoo heute als viel zu klein für die Haltung von Brückenechsen. Außerdem ist die Einzelhaltung von Tieren grundsätzlich abzulehnen, bei Brückenechsen aber sogar die Paarhaltung. Bei Freiland- und Terrarienbeobachtungen zeigte sich nämlich, daß bei Brückenechsen für die erfolgreiche Paarung der Wettbewerb zwischen verschiedenen Männchen und Weibchen eine wichtige Rolle spielt. Die Tuatara-Gruppen sollte deshalb mindestens aus 3,5 Tieren bestehen. Entsprechend groß muß folglich das Terrarium sein. Im Minimum 5 m² pro Tier werden als erforderlich angesehen. Wünschenswert wären sogar 9 m² pro Tier. Die immer wieder diskutierten und vom Naturschutz gewünschten Terrariengrößen von 20 m² pro Tier sind wohl nur bei Freilandterrarien und einem Klima wie in Neuseeland zu verwirklichen. - Jungtiere aber können nach den bisherigen Erfahrungen noch auf einem viel engeren Raum gehalten werden, nämlich bis zu 10 Tieren pro m².
In Berlin haben wir zwar unser größtes Terrarium als Klimaraum für die Brückenechsen umgebaut, doch auch dieses Terrarium hat nur 22 m² Bodenfläche und keine 45 m², wie sie für eine Gruppe von 3,6 erwachsenen Sphenodon eigentlich als notwendig angesehen wird. Glücklicher Weise wachsen Brückenechsen aber relativ langsam. Sie sind erst mit 9-13 Jahren geschlechtsreif, mit 30 Jahren erwachsen und werden sicherlich an die 100 Jahre alt. Deshalb hielten die Neuseeländer unser Terrarium zumindest am Anfang für groß genug, zumal alle Beteiligten natürlich hofften, aber nicht wußten, ob alle Jungtiere bis zur Geschlechtsreife überhaupt am Leben blieben. Nach DAUGHERTY (briefl. Mitt.) genügen bei entsprechender Terrassierung und Gestaltung des Terrariums unter Umständen auch 1,5-2,0 m² pro adulter Brückenechse.
Nach neueren Forschungsergebnissen von CREE, THOMPSON & DAUGHERTY (1995) ist wie bei vielen Reptilien auch bei Sphenodon die Bruttemperatur für die Geschlechtsausbildung entscheidend. Bei 18°C Bruttemperatur schlüpften 100% weibliche S.punctatus, bei 20°C waren es noch 91% und bei 22°C nur noch 23%. Eier von S.guntheri wurden bei 18°C, 22°C und variablen Temperaturen (18-23-18°C) ausgebrütet und das Geschlechtsverhältnis war bei 18°C 0,17, bei 20°C immer noch 0,3, aber bei den variablen Temperaturen 7,0. Ausschlaggebend für die Ausbildung des männlichen Geschlechtes dürfte gewesen sein, daß in der Mitte der Brutzeit die Temperatur für 2 Wochen über 22°C lag. Deshalb ist es wichtig, daß die 10 juvenilen Sphenodon, die im Oktober 1990 zu uns kamen und ursprünglich von Stephens Island stammten, bei unterschiedlichen Bruttemperaturen geschlüpft waren. Wir konnten deshalb von unterschiedlichen Geschlechtern ausgehen. In Kooperation mit dem IZW / Berlin konnten wir dieses Jahr durch Ultraschalluntersuchungen nachweisen, daß wir 3,6 Tiere besitzen.
Zwischen Januar und Oktober 1987 geschlüpft, kamen unsere Brückenechsen im Oktober 1988 in die Victoria Universität und wurden dort im November desselben Jahres erstmals vermessen und gewogen. Ihr Gewicht betrug damals 13,1 - 20,2 g bei einer Kopf-Rumpf-Länge von 7,1 - 8,5 cm. Am 27.Oktober 1990 schließlich trafen die 10 Jungtiere von Wellington via Hawaii in Berlin ein. Alle zusammen waren in einer Holzkiste, aber mit Einzelfächern für jede Echse verpackt. In jeder Box lag ein nasser Schaumstoffschwamm, um die notwendige Feuchtigkeit zu garantieren. Der Boden der Tierboxen bestand aus Drahtgaze, die im Abstand über dem Kistenboden verspannt war. In diesen so entstandenen Zwischenraum lagen Kühlelemente. Sie wurden beim Zwischenstopp auf Hawaii ausgewechselt, um die notwendigen kühlen Temperaturen während des ganzen Transportes zu gewährleisten. Früher waren nämlich 36% der seit 1952 in Terrarien außerhalb Neuseelands gehaltenen Sphenodon bereits im ersten Jahr nach ihrem Fang gestorben, wahrscheinlich wegen zu hoher Transporttemperaturen.
Nach ihrer Ankunft im ZOO-AQUARIUM BERLIN wurden die Brückenechsen zunächst einige Tage in kleineren Glasterrarien auf ihren Allgemeinzustand und Kotproben auf eventuelle Parasiten untersucht. Zumindest bei Wildfängen treten häufig folgende, z.T. artspezifische Parasiten auf: als Trematode Dolichosaccus leiolopismae, als Ascaride Hatterianerna hollandei sowie 2 Milbenarten (Neotrombicula sphenodonti und Aponomura sphenodonti) (AINSWORTH, 1994). Über eine für Sphenodon arttypische Haemogregarine (Haemogregarina tuatarae) berichtet LAIRD (1950-51). Bei uns wurde eine Infektion mit Salmonella Baildon festgestellt und erfolgreich mit Baytril behandelt.













